„Ich habe fünf Jahre jeden Tag auf dieses Haus geguckt. Dann hab ich’s gekauft.“
Was bewegt Menschen, ihre Energie, viel Zeit und Geld in alte Bruchbuden, nutzlose Scheunen oder verlassene Gewerbeimmobilien reinzustecken?
Der Anfang ist meistens, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Aber es gibt Menschen, bei denen bleibt es nicht dabei. Ihre Häuser sind nicht unbedingt im Vorübergehen zu erkennen.
Astrid Wunsch ist eine von ihnen. Eine Frau, die vor fünf Jahren aus einem alten Ladengeschäft in Diez ihren Wohntraum gemacht hat. Meine aktuelle Geschichte mit ihr spielt auf dem Nachbargrundstück direkt dahinter.

Der Blick auf’s Nachbargrundstück
„Ich habe fünf Jahre jeden Tag auf dieses Haus geguckt. Dann hab ich’s gekauft.“ (Astrid)
Nachdem ich die richtige Türe ins unscheinbare, mit löchrigen Plastikpanelen verkleidete Haus in der Seitengasse gefunden habe, höre ich ein schmirgelndes Geräusch aus einer offenen Türe. Im Flur liegen Werkzeuge und Abdeckmaterial rum, es riecht nach Renovierungsarbeiten und Putzmittel. Ich folge dem Geräusch und sehe, wie eine Frau auf Knien mit Schleifpapier die alten Fliesenfugen in der Küche bearbeitet. Sie begrüßt mich freundlich – und nach weniger als einer Minute sind wir beim ersten Gang durch die Räume ins Gespräch vertieft über die Eigenheiten ihres neuen, erst kürzlich erworbenen Objekts. Noch ist einiges zu tun. „Nächste Woche ist die Schlüsselübergabe an die Mieter“, so Astrid Wunsch. Zusammen mit ihrem Vater und einer befreundeten Nachbarin legt sie Hand an für letzte Arbeiten im Haus.

Vom Londoner Eastend ins Diezer Multikultiviertel
Astrid Wunsch ist eine gebürtige Limburgerin, die über den Wohn-Umweg des Londoner Eastends vor fünf Jahren in die Schaumburger Straße nach Diez gefunden hat. Das Leben im Eastend hat ihren Blick auf das Diezer Viertel mitgeprägt. Sie ist Designerin und arbeitet bei einem großen deutschen IT-Konzern. Sie lebt mit Christopher, ihrem Lebenspartner, in einem kreativ umgebauten und umgestalteten ehemaligen Ladengeschäft in einem Stadtteil von Diez, der bis vor Kurzem im Lärm der Bundesstraße 417 zu sterben drohte. Nun ist die Straße glücklicherweise im Tunnel verschwunden und das Viertel könnte durch Menschen wie Astrid Wunsch zu neuem Leben erwachen.

Nachhaltigkeit: Die neue Zukunft
Astrid Wunsch ist – so erfahre ich von ihr im Gespräch – seit Längerem in unterschiedlichen Initiativen für Nachhaltigkeit und Stadtgestaltung in Diez aktiv. Sie kennt sich in „ihrem“ Stadtviertel und mit dessen Problemen bestens aus. Astrid Wunsch hat eine persönliche Mission: Sie will Anregungen, Vorbildhaftes für ihr Viertel, für den sorgsamen Umgang mit alten Gebäuden schaffen. Den Blick für einen nachhaltigen Gebrauch unserer Ressourcen zu schärfen. Mit der Gestaltung ihres eigenen Wohnhauses – „eher ein Kunstwerk“, wie sie nebenbei bemerkt, ist das Interesse und die Leidenschaft für alte Gebäude und deren Potentiale entbrannt.

Christopher verfugt in langwieriger Arbeit die originale Scheunenwand

Die Gebäude in unseren Städten und Dörfern sind häufig verkannte Werte, die unsere Eltern, Großeltern und Generationen vor ihnen oft in mühevoller Arbeit geschaffen und erarbeitet haben. Muss das wirklich alles weg? Hat es nicht noch seine eigenen, auch einmaligen Werte? Wie findet man die? Wie bringt man sie zum Glänzen?
„Kannst du ein paar Steine gebrauchen, die bei mir noch übrig sind?“


Astrid Wunsch hat einen geschulten und wohlwollenden Blick auf das, was anderen erstmal als altes, wertloses Zeugs erscheint. Eine Digital-Designerin, eine Frau mit kreativem Blick auch auf die alten Sachen um sie herum. Inzwischen ist sie bekannt als jemand, dem man alte Baumaterialien anbieten kann. In ihrem liebevoll „Baubüro“ genannten Kellerraum zeigt sie mir einige Objekte ihres Sammelns. Andere findet man in den Ecken ums Haus herum. „Was uns leider fehlt, ist ein einfacher, regionaler Zugang zu wiederverwendbaren Baumaterialien.“ So läuft vieles über Kleinanzeigen und Verkaufsportale wie ebay.
Im Baubüro

Wie geht’s weiter?
„Nein, die Fassade gefällt mir natürlich auch noch nicht“, erklärt sie mir lachend am Ende unseres langen Gesprächs. „Aber jetzt geht es erstmal darum, dass durch die Vermietung das Geld reinkommt, das ich jetzt schon alles dafür ausgegeben habe.“ Überhaupt: Es gibt immer notwendige Kompromisse, wenn es ums Sanieren und Erhalten alter Häuser geht. Sonst werden aus Wohnträumen schnell Alpträume.

Jetzt genügt es für Astrid Wunsch und insbesondere die neuen Mieter, dass in der renovierten Wohnung gut gelebt werden kann und das alte Grundstück in seiner eigenen Lebensqualität bewahrt wird.
Ach ja: Die neue Farbe des alten Garagentors. Sie erinnert jedes Mal daran, dass es nicht große Änderungen sein müssen die aus Altem etwas Ansehnliches machen. Und die Löcher in der Fassade bleiben aus der Entfernung unauffällig.
Dann sprechen wir noch darüber, welche anderen Häuser in der Nachbarschaft interessante Objekte für ihre Mission sein könnten…
Klaus Amann
Vor zwei Jahren war ein Team des SWR im alten Wohnhaus und hat daraus einen eindrücklichen Dokumentarfilm gemacht. Hier kann man dazu mehr sehen.



















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