Lebensmittelverschwendung – Wenn Gutes im Müll landet
Wenn der Supermarkt schließt, fängt unsere Arbeit an
Es ist kurz vor Ladenschluss. Für die meisten endet jetzt der Einkauf. Die letzten Kunden stehen an der Kasse, legen Brot, Obst und Joghurt aufs Band und gehen mit vollen Taschen nach Hause. Ein ganz normaler Ablauf, wie er jeden Tag tausendfach passiert. Für uns beginnt genau in diesem Moment die eigentliche Arbeit.
Während vorne noch bezahlt wird, passiert im Hintergrund bereits etwas anderes. Produkte werden aussortiert, Kisten zusammengestellt, Waren abgeschrieben. Alles, was am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden darf oder nicht mehr den Anforderungen entspricht, wird aus dem Sortiment genommen. Wir warten an der Lagertüre darauf, dass uns diese Kisten übergeben werden. Dann sortieren wir noch einmal und verladen in unsere Autos.
Wer ist denn eigentlich wir?
Wir, das sind Menschen, die sich ganz unterschiedlich organisieren, aber am Ende das gleiche Ziel verfolgen: Lebensmittelverschwendung den Kampf ansagen. Dazu gehören gemeinnützige Vereine, Initiativen wie Foodsharing, die Tafel Deutschland und ihre lokalen Ausgabestellen, aber auch viele Einzelpersonen, die unabhängig oder im kleinen Rahmen aktiv sind.
Den Anstoß hat mir der Film Taste the Waste gegeben. Zu sehen, in welchem Ausmaß Lebensmittel verschwendet werden, hat bei mir etwas ausgelöst – nicht nur zuzuschauen, sondern selbst aktiv zu werden, Verantwortung zu übernehmen und das Thema sichtbarer zu machen. Jetzt sind schon 10 Jahre rum, in denen ich ehrenamtlich Lebensmittel vor dem Müll rette. Davon seit über sieben Jahren im eigenen Verein bei den „Lebensmittelrettern Rhein-Mosel e.V.„. Die Einsätze? Vielfältig. Kisten über Kisten an Backwaren, Bananen, Gemüse und Palettenweise Sojamilch habe ich mit dem Auto bereits gerettet und quer in der Region „fairteilt“. Wir haben schon frisch gepressten Orangensaft am Bahnhof ausgegeben und versorgen Menschen die auf der Straße leben regelmäßig mit belegten Brötchen. Nicht selten war das Auto nach Ladenschluss voll bis in den Fußraum.
Neben spontanen Verteilungen am Bahnhof gehen die geretteten Lebensmittel an soziale Einrichtungen für Kinder und Jugendliche und Unterkünfte für Wohnungslose und Geflüchtete.

Der Luxus von Verschwendung – Ein Fehler im System
Volle Brotauslagen bis zum Ladenschluss, Erdbeeren im Winter, makellose Äpfel, knallig rot und wie frisch poliert – wer einkaufen geht findet stets prall gefüllte Regale und eine große Auswahl Lebensmittel vor. Am Ende des Tages landen diese wertvollen Lebensmittel jedoch tonnenweise im Müll oder eben in meinem Auto. Gleichzeitig gibt es Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, um über den Monat zu kommen. Diese beiden Realitäten existieren parallel, oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Auf der einen Seite Überfluss, auf der anderen Seite Bedarf. Daher rührt meine Motivation. Denn es macht mich wütend, dass wir Nahrung im Überfluss produzieren und wegwerfen, Menschen Gleichzeit hungern und kaum über die Runden kommen. Ein Fehler im System.
Was können wir gegen Lebensmittelverschwendung tun?
Die Ursachen für Lebensmittelverschwendung sind vielfältig. Im Handel spielen wirtschaftliche Faktoren eine große Rolle. Regale sollen bis zum Schluss gefüllt sein, die Auswahl muss stimmen, Produkte müssen bestimmten optischen Anforderungen genügen. Was nicht mehr ins System passt, wird aussortiert.
Auch in der Produktion entstehen Verluste, etwa durch Erntebedingungen, Sortierprozesse oder Transport. Und nicht zuletzt tragen wir Zuhause selbst einen erheblichen Anteil dazu bei. Kaufverhalten, falsche Lagerung und der Umgang mit Haltbarkeitsdaten führen dazu, dass viele Lebensmittel gar nicht erst genutzt werden.
Das Thema ist also komplex und lässt sich nicht auf einen einzelnen Bereich reduzieren. Es betrifft mehrere Ebenen gleichzeitig und genau das macht es so schwierig, einfache Lösungen zu finden. Fragen, die ich mir immer wieder stelle: Warum entstehen überhaupt solche Überschüsse? Warum sind bestimmte Abläufe so organisiert, wie sie es sind? Und welche Rolle spielt jede und jeder Einzelne dabei?
Es gibt Dinge, die jede und jeder von uns sofort ändern kann.
Oft sind es keine großen Maßnahmen, sondern kleine Gewohnheiten:
Ein kurzer Blick in den Kühlschrank, bevor man einkaufen geht.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht als Wegwerfdatum verstehen.
Oder einfach wieder öfter riechen, schauen und probieren, bevor etwas im Müll landet.
Für mich persönlich ist Lebensmittelrettung ein Weg, mit dieser Situation umzugehen – sowohl zuhause als auch im eigenen Verein. Sie verändert nicht das gesamte System, aber sie setzt genau dort an, wo konkret etwas möglich ist. Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln verhindert, dass genießbare Produkte entsorgt werden, und sorgt gleichzeitig dafür, dass sie dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Diese Reihe ist ein Versuch, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Es geht dabei nicht nur um Zahlen oder allgemeine Zusammenhänge, sondern vor allem um das, was hier vor Ort passiert – im Rhein-Lahn-Kreis, im Alltag, ganz konkret.
Im nächsten Artikel geht es darum, wie Lebensmittelrettung tatsächlich abläuft, welche Mengen dabei zusammenkommen und was mit den geretteten Lebensmitteln passiert.
Annemarie Imgrund
Fotos © 2026 by Annemarie Imgrund









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