Erdbeeren, Eis und ganz viel Herzblut – Ein Nachmittag im Jugendtreff Nassau
Erdbeeren, Eis und ein herzliches Willkommen
Manchmal erzählen kleine Momente mehr als viele Worte. Ich habe den Jugendtreff Nassau besucht und schon beim Ankommen werde ich freundlich von Olga Freund und Carola Thor empfangen und schnell in das bunte Treiben des Nachmittags hineingezogen – Erdbeer-Dessert inklusive.
Es begann alles mit einem Graffiti.
Genauer gesagt mit dem Graffiti-Projekt an der Bahnunterführung in Nassau, das der Jugendtreff umgesetzt hat, um den Ort freundlicher zu gestalten. Dadurch wurde ich erstmals auf den Jugendtreff aufmerksam. Seitdem folge ich den Aktivitäten auf Instagram und war immer wieder erstaunt, was dort alles auf die Beine gestellt wird.
Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen in Nassau gar nicht wissen, wie viel hinter den Türen des Jugendtreffs passiert. Also beschloss ich, mir selbst ein Bild zu machen. Eigentlich war nur ein kurzer Besuch geplant. Am Ende wurden daraus zweieinhalb Stunden voller Gespräche, Eindrücke und Tanzeinlagen.
Carola ist Mitarbeiterin im ➔ Jugendtreff Nassau und erzählt mit spürbarer Freude von ihrer Arbeit hier. Immer wieder lacht sie, wirkt gelassen und gleichzeitig voller Energie. Es ist diese Mischung, die sofort hängen bleibt – und vermutlich auch die Kinder schnell spüren, wenn sie den Raum betreten.
Es ist kurz nach 16 Uhr und zunächst noch ruhig. Keine Kinder, kein Trubel.
Dann passiert es.
Wenn der Jugendtreff erwacht
Die Tür geht auf, und plötzlich stürmen die ersten Mädchen hinein. Der Raum kippt innerhalb von Sekunden von ruhig zu lebendig. Taschen und Jacken werden abgelegt, Stimmen füllen den Raum, und die ersten Fragen werden gestellt:
„Können wir was spielen?“ – „Was machen wir heute?“
Der Jugendtreff ist in seinem Element.

Alltag lernen zwischen Supermarkt und Streicheleinheit
Auf dem Tisch steht eine große Schüssel frischer Erdbeeren. Die Kinder hatten sie am Vortag in Herold selbst gepflückt erzählt Olga und schneidet die ersten Erdbeeren klein. Als Nachtisch für den Nachmittag sollen sie gemeinsam verspeist werden. Auf Wunsch der Mädchen fehlen noch Eis und Sahne. Kein Problem. Olga stattet die Mädchen mit Geld und Beuteln aus und schon sind sie fort zum Einkaufen.
Ganz selbstständig natürlich.
Nur etwas länger als geplant dauert der Einkauf. Vor dem Supermarkt hat ein besonders niedlicher Hund gesessen, dem die Mädchen einfach nicht widerstehen konnten. Eine zusätzliche Streicheleinheit musste sein. Kaum zurück, werde ich gleich eingeladen, mitzuessen. Zu frischen Erdbeeren mit Eis und Sahne kann ich nicht nein sagen.
Während die Erdbeeren verteilt werden, wird geredet, gelacht und erzählt. Das Erdbeerpflücken war großes Thema. Begeistert erzählen die Kinder von vollen Körben, riesigen Feldern, süßen Früchten und davon, dass unterwegs natürlich auch die eine oder andere Erdbeere direkt im Mund statt im Korb verschwunden war. Solche Ausflüge mögen die Kinder besonders gern erzählen sie und nehmen Nachschlag.
Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, warum viele Kinder und Jugendliche so gerne hierherkommen.




Ein Ort, an dem man gerne Zeit verbringt
Der Jugendtreff Nassau richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen acht und 21 Jahren. Geöffnet ist er von Dienstag bis Freitag jeweils von 16 bis 19 Uhr. Zusätzlich gibt es dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr eine Lernbetreuung. Mittwochs findet der Mädchentreff statt und am Donnerstag kommen die „großen“ ab 12 Jahren.
Zwischen 15 und 25 Kinder und Jugendliche besuchen die Einrichtung an einem gewöhnlichen Nachmittag. Da kann es auch mal lauter und chaotischer werden lacht Carola.
Die Atmosphäre wirkt offen und ungezwungen. Die Kinder können hier kommen und gehen wie sie möchten.
Während wir ins Gespräch kommen, betreten weitere Mädchen den Jugendtreff, begrüßen alle, setzen sich zu Freundinnen oder beginnen direkt mit ihren Aktivitäten. Die Räume sind gemütlich gestaltet und bieten Platz zum Spielen, Lernen, Entspannen und Kreativsein.
Schnell merke ich, dass die Kinder nicht herkommen, weil sie müssen. Sie kommen, weil sie gerne hier sind.
Spielen, gestalten und gemeinsam kochen
Im Jugendtreff wird gespielt, getanzt, gebastelt, gelacht und ausprobiert. Es gibt eine Chillecke mit Fernseher für Filmnachmittage und Computer, die eigenverantwortlich genutzt werden können. Die Kinder melden sich selbstständig an und ab und lernen dabei ganz nebenbei den verantwortungsvollen Umgang mit Regeln.
Kurz vor meinem Besuch hatte die Arbeiterwohlfahrt (AWO) dem Jugendtreff zudem einen multifunktionalen Billardtisch als Dauerleihgabe überlassen. Begeistert erzählt mir Olga, dass der Tisch sich auch zu einem Tischtennis- oder Air-Hockey-Tisch umbauen lässt und bereits intensiv genutzt wird.
Zum Alltag gehört außerdem das gemeinsame Kochen. Die Kinder planen mit, kaufen Zutaten ein und bereiten die Mahlzeiten gemeinsam zu. Ganz nebenbei lernen sie dabei Fähigkeiten, die weit über das Kochen hinausgehen.
Auch kreative Angebote haben ihren festen Platz. So wird beispielsweise genäht. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Mutter eines Mädchens, dessen Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist. Begegnungen zwischen unterschiedlichen Generationen und Kulturen entstehen hier ganz selbstverständlich.




Hochbeete verbinden Generationen
Direkt neben dem Jugendtreff befinden sich Hochbeete, die gemeinsam mit der benachbarten Seniorenresidenz gepflegt werden.
Hier wachsen Erdbeeren, Kräuter und Gemüse. Die Kinder lernen dabei nicht nur etwas über Natur und Nachhaltigkeit, sondern übernehmen auch Verantwortung.
Tatsächlich ließ mich der Jugendtreff nach meinem ersten Besuch nicht los. Schon am nächsten Tag schaue ich erneut vorbei. Diesmal lerne ich auch die beiden Mitarbeiterinnen Juliane und Diana kennen. Im Gepäck hatte ich einige übrig gebliebene Tomatenpflanzen aus unserem Garten, die gemeinsam mit einer Jugendlichen direkt ihren Platz in den Hochbeeten fanden.






Abenteuer vor der eigenen Haustür – und weit darüber hinaus
Regelmäßig stehen besondere Aktionen auf dem Programm. Erst kurz zuvor waren die Kinder gemeinsam zum Erdbeerpflücken nach Herold gefahren. Kanutouren gehören ebenso dazu wie Schwimmen, Eislaufen oder Fußball.
Auch größere Ausflüge werden organisiert. In den Sommerferien steht z.B. eine Ferienfreizeit in den Niederlanden an. Auf diese Reise freut sich Juliane, hauptamtliche Stadtjugendpflegerin, besonders.
„Da wächst man noch einmal ganz anders zusammen“, erzählt Juliane. Während des normalen Alltags kommen und gehen die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten. Bei einer Ferienfreizeit verbringt die Gruppe mehrere Tage gemeinsam in einem Haus. „Das ist fast wie ein Familienurlaub auf Zeit.“
Besonders wichtig ist ihr dabei, dass solche Erlebnisse auch Kindern ermöglicht werden, deren Familien sich vergleichbare Reisen oft nicht leisten könnten.
Manche der teilnehmenden Kinder werden dort zum ersten Mal das Meer sehen oder zum ersten Mal mit den Füßen durch den Sand laufen.

Verantwortung lernen – ganz selbstverständlich
Wer den Jugendtreff besucht, übernimmt Verantwortung. Das beginnt beim Einkaufen für gemeinsame Kochaktionen, setzt sich beim Sauberhalten der Räume fort und zeigt sich im täglichen Umgang miteinander.
Oft entstehen daraus ganz besondere Geschichten.
So kümmert sich ein Jugendlicher freiwillig darum, den Bolzplatz aufzuschließen, später wieder zu verschließen und darauf zu achten, dass alles ordentlich hinterlassen wird. Niemand hat ihn dazu verpflichtet. Er macht es einfach, weil ihm der Treff wichtig ist.
Mitreden, mitgestalten, Demokratie leben
Respekt und Mitbestimmung gehören im Jugendtreff Nassau zum Alltag. Die Kinder und Jugendlichen können Ideen einbringen, Projekte entwickeln und Entscheidungen mitgestalten. Regelmäßig finden Projekttage statt, die sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen.
Ein aktuelles Beispiel ist das nächste Graffiti-Projekt an der Bahnunterführung. Gemeinsam mit Citerart aus Nasstätten soll die Unterführung weiter gestaltet werden. Mitmachen können nicht nur die Jugendlichen des Treffs, sondern auch weitere Menschen, Vereine und Unternehmen aus Nassau.
Ermöglicht wird das Projekt durch die LEADER-Förderung für Demokratieprojekte.
So entsteht ein Projekt, das weit über die Wände hinaus wirkt.



Inklusion erleben statt nur darüber zu sprechen
Wie wichtig gegenseitige Rücksichtnahme ist, zeigte auch eine besondere Aktion zum Thema Inklusion.
Für einen Nachmittag wurden Rollstühle ausgeliehen, mit denen die Kinder und Jugendlichen Nassau erkundeten. Ziel war es, Barrieren sichtbar zu machen und selbst zu erfahren, welchen Herausforderungen behinderte Menschen begegnen.
Eine Erfahrung, die bei vielen nachhaltig Eindruck hinterließ.
Doch Inklusion wird im Jugendtreff Nassau nicht nur in einzelnen Projekten thematisiert. Regelmäßig entstehen Kooperationen mit verschiedenen Partnern. So nahmen die Kinder und Jugendlichen beispielsweise an einem inklusiven Workshop mit der Stiftung Scheuern teil. In der Schreinerei der Stiftung entstanden gemeinsam mit den dortigen Mitarbeitenden Krippenfiguren aus Holz.
Dabei geht es nicht nur um handwerkliches Arbeiten. Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen mit Menschen ins Gespräch, lernen unterschiedliche Lebensrealitäten kennen und erleben Inklusion ganz praktisch im gemeinsamen Tun.
Solche Begegnungen schaffen Verständnis, bauen Berührungsängste ab und zeigen, wie selbstverständlich Vielfalt gelebt werden kann.
Engagement, das weit über die Öffnungszeiten hinausgeht
Während meiner Gespräche wird deutlich, dass die Arbeit der Mitarbeiterinnen oft weit über den Jugendtreff hinausgeht.
Carola berichtet davon, dass sie und Juliane auch Schulen besuchen, Gespräche mit Familien führen und davon, wie sie manchmal bei der Wohnungs- oder der Jobsuche unterstützt. Oft geht es darum, zuzuhören, Kontakte zu vermitteln oder einfach da zu sein, wenn Hilfe gebraucht wird.
Dieses Engagement ist spürbar.
Vielleicht ist es auch einer der Gründe, warum die Kinder so offen auf die Mitarbeitenden zugehen.
Herausforderungen bleiben
Trotz aller positiven Eindrücke gibt es Herausforderungen.
Wie vielerorts fehlen finanzielle Mittel. Projekte, Ausflüge und Ferienfreizeiten kosten Geld. Gleichzeitig soll möglichst allen Kindern die Teilnahme ermöglicht werden – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Familien.
Umso dankbarer ist man über Spenden die unter anderem z. B. von der Leifheitstiftung kommen und in den Sommer- und Osterferien verschiedene Projekte realisierbar machen.
Um zusätzliche Unterstützung zu gewinnen und langfristiger planen zu können, wurde kürzlich ein Förderverein gegründet. Bereits mit einem Jahresbeitrag von zwölf Euro kann man Mitglied werden und die Arbeit des Jugendtreffs unterstützen.
Auch die räumliche Situation beschäftigt die Verantwortlichen. Gerade an gut besuchten Tagen wird es eng. Besonders gewünscht wird eine Außenfläche oder ein Garten, damit die Kinder gerade im Sommer noch mehr Möglichkeiten haben, Zeit im Freien zu verbringen.
Eine weitere Herausforderung ist die Bekanntheit des Angebots. Viele Menschen wissen noch immer nicht, dass es den Jugendtreff gibt oder welche Möglichkeiten er Kindern und Jugendlichen bietet.
Ein Ort, der bleibt
Als ich den Jugendtreff nach zweieinhalb Stunden verließ, hatte ich längst vergessen, dass ursprünglich nur ein kurzer Recherchetermin geplant gewesen war.
Im Kulturkeller zeigten mir einige Mädchen stolz ihre einstudierten TikTok-Tänze. Überall wurde gelacht, gespielt, diskutiert oder gemeinsam geplant.
Vor allem aber blieb der Eindruck eines Ortes, an dem Kinder und Jugendliche ernst genommen werden. Eines Ortes, an dem sie mitreden, mitgestalten und einfach sie selbst sein können.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Jugendtreff Nassau für viele junge Menschen längst zu einem festen Bestandteil ihres Alltags geworden ist.
Und vielleicht sollte genau das noch viel bekannter werden.
Von Annemarie Imgrund
Fotos © 2026 by Annemarie Imgrund
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