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Business Improvement District. Oder: Wie weit reicht die Liebe für Diez?

Wenn man an den letzten Samstagvormittagen über die Aarbrücke auf den Diezer Markt kam, konnte man es schon von Weitem sehen. Neben den vertrauten Marktständen und vereinzelten Passanten frühstücken Leute unter dem aufgespannten Sonnensegel. Da kann man auch die Stadtbürgermeisterin Annette Wick (zweite von rechts auf dem Foto oben; daneben Astrid Wunsch) auf ein Pläuschen treffen. Abwechselnd versorgen heimische Anbieter die Besucherinnen und Besucher mit leckeren Frühstückssachen. Wie kam es dazu?  

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Blick auf den Marktplatz und das Grafenschloss

Der mühsame Kampf gegen die Verödung der Innenstadt

Diez hat – wie sehr viele Klein- und Mittelstädte in Deutschland – seit längerem ein Problem mit seinem städtischen Herzen. Wo sich in der Wirtschaftswunderzeit im Zentrum Geschäft an Geschäft reihte, schließen seit vielen Jahren die Läden. Wiederholte Versuche der Wiederbelebung mit neuen Geschäften endeten häufig in erneuter Schließung und dauerhaftem Leerstand.

Leerstand Business Improvement District. Oder: Wie weit reicht die Liebe für Diez?

Kein Schmuckstück mehr. Leerstand in der Wilhelmstraße.

Die neue Idee: ein Business Improvement District!

Aktive Diezer Geschäftsleute, Bürgerinnen und Bürger haben Ende 2023 mit der Initiative → Dein Diez die erfolgreiche Aufnahme in ein Förderprogramm des Landes Rheinland-Pfalz gefunden. Dafür entstand ein sogenannter → „Business Improvement District (BID)“.  

Der Verein → BIDiez e.V. hat damit eine Entwicklung in der Wilhelm- und der Rosenstraße, in der Marktstraße und am Marktplatz in Gang gebracht. Mit einem Dutzend Leerständen war in diesem Bereich die schwierige Situation für jeden sichtbar und dringende Änderung gefragt. Im April 2024 erhielt Nina Fischer vom BIDiez e.V.  als „Quartiersmanagerin“ den Auftrag, daran dauerhaft was zu verändern.

„Zwangsbeiträge“ und Fördergelder

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Veränderung braucht nicht nur gute Ideen und konkrete Initiativen, sondern auch Geld. Um vom Land Fördergelder zu bekommen, müssen die Grundstücksbesitzer immer mit bezahlen. „Die Stadt hat von den Eigentümerinnen und Eigentümern der im Projektbereich gelegenen Grundstücke Abgaben zu erheben. Die Summe der Abgaben muss den im Maßnahmen- und Finanzierungskonzept des Aufgabenträgers ausgewiesenen Gesamtaufwand decken.“ So ist es → im öffentlich-rechtlichen Vertrag zwischen Stadt und Verein geregelt. Diese Abgaben von maximal 400€ pro Grundstück und Jahr betreffen konkret 105 Grundstücke (im Plan rot markiert) entlang der genannten öffentlichen Straßen und am Marktplatz.

Fragt man bei den Besitzern nach, so gibt es da doch einige Unzufriedenheit über diese – wie es ein Geschäftsbesitzer nennt – „Zwangsgelder“. Die Informationen zu Beginn seien unzureichend und unklar gewesen. Neben diesen finanziellen Mitteln von insgesamt ca. 190.000€ aus der betreffenden Bürgerschaft schießt das Land noch 30.000€ jährlich für die Quartiersmanagerin zu. Insgesamt stehen laut Wirtschaftsplan für fünf Jahre 340.000€ zur Verfügung

Beispiele für wertvolle Bausubstanz aus unterschiedlichen Jahrhunderten im BID-Bereich

Unser erster Eindruck: Da tut sich tatsächlich was

Nicht nur an den Marktsamstagen, sondern seit dem 7. Mai auch zweiwöchentlich am Abend gibt es den → Donnerstagstreff. Mit dabei sind abwechselnd die lokalen Anbieter von: Buch & Wein, Vinoplatin, WeinExquisit, Lions Club Diez, Metzgerei Blum, Pizza Connection, Jacky Kitchen. Sie sorgen für das leibliche Wohl der Besucher. Selbst vom zuletzt an Fronleichnam niedergehenden Schauer ließen sich die Besucherinnen und Besucher an den Ständen der lokalen Betriebe nicht verscheuchen. Sie blieben in etlichen kleineren Gruppen dicht gedrängt unter ihren Schirmen zusammen und aßen, tranken und lachten weiter miteinander. Diese regelmäßigen Zusammentreffen donnerstags und samstags auf dem Marktplatz sind einer der sichtbaren Aktivposten bei der sozialen und wirtschaftlichen Stadtentwicklung. Geschäftsleute und Bürger rücken buchstäblich zusammen.

Tun ist besser als lassen! Eine Quartiersmanagerin und ein Herz für Diez

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„Und da kommt dann jemand aus Berlin?! der Diez doch gar nicht kennt!“ So kann man es bis heute von einigen Menschen in Diez hören, die immer noch mit Skepsis auf das schauen, was um sie herum im BID passiert. „Warum soll ich mich nun in „Social Media“ präsentieren?“ fragen alteingesessene Geschäftsleute. Was soll das bringen? „Da ist auch sehr viel versprochen worden“, so eine weitere Stimme.

Nina Fischer – die Frau, die aus Berlin nach Diez gezogen ist – ist nun seit zwei Jahren dabei, die vielfältigen Aufgaben einer Quartiersmanagerin zu stemmen. Sie muss unterschiedlichsten Erwartungen, gerade auch im Kampf gegen den Leerstand und die soziokulturelle Verödung der Innenstadt gerecht werden. Sie soll die Leute wieder zurück in die Stadt bringen!

Nina Fischer hat in der ehemaligen Commerzbankfiliale (auch ein früherer Leerstand!) Quartier bezogen. Sie kennt ihre Herausforderungen und tritt im Gespräch mit dem rheinlahner.de WIR! Im Rhein-Lahn-Kreis. gelassen auf. Sie weiß jedoch, dass fünf Jahre (und weniger als ein Halbtagsjob) keine lange Zeit sind, um eine nachhaltige Verbesserung im Quartier zu erreichen. Und dass es dauern wird.

Nina Fischer hat Coachingerfahrung. Der für sie neue Job als Quartiersmanagerin erfordere – so sagt sie im Rückblick – „unendlich viele Gespräche“. Dabei ist sie nicht automatisch auf offene Türen und Ohren gestoßen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass vorangegangene Versuche, das Quartier zu beleben, mit wenig Erfolg beschieden waren. Da haben manche inzwischen die Hoffnung auf eine echte Wende zum Besseren aufgegeben. Nina Fischer kennt diese Skepsis und Resignation mancher Diezerinnen und Diezer. Es gehe darum, Menschen auf dem weiteren Weg mitzunehmen, so ihre Überzeugung. Im Gespräch berichtet sie von den ersten Erfolgen und einem vorsichtigen Umdenken. Aber genauso von einigen, sie ermutigenden Geschäftsinhaberinnen und -Inhabern, die von Beginn an mit großem Einsatz dabei sind.

„Liebeserklärung für Diez“

„Business Improvement“ – so das Ziel von aktuell vier Projekten in Rheinland-Pfalz – soll das Image und die Lebensqualität eines städtischen Bereichs dauerhaft verbessern. Da geht es um städtische Lebensqualität – aber zuvor noch um die wirtschaftliche Werterhaltung der Immobilien. Und es geht darum, dass sich die in Diez lebenden Menschen mit „ihrer“ Stadt identifizieren können. Daher die Idee der Liebenserklärungen.

Die „Liebeserklärungen für Diez“ sind eine aktuelle Reihe von → öffentlichen Präsentationen im Quartier. Seit Dezember sind in einigen Schaufenstern leerstehender Ladengeschäfte Texte, Bilder und Objekte von und über Diezer Künstlerinnen und Künstler zu sehen. Sie machen aus der Not des vorhandenen Leerstandes eine gestalterische Tugend zugunsten des Quartiers. Beim Bummel durch die Straßen erinnern nicht mehr verlassene Räume an die Probleme der Stadt, sondern es wird sichtbar, was es an Kreativität in Diez gibt! Allerdings: Der Leerstand, der sich hinter Liebeserklärungen versteckt, ist immer noch da.

Liebeserklaerung-NinaFischer Business Improvement District. Oder: Wie weit reicht die Liebe für Diez?

Erste Veränderungen. Aber wie weit reicht die Liebe?

Der gut besuchte zweiwöchentliche Donnerstagstreff auf dem Markt, der samstägliche Markttreff und die „Liebeserklärungen für Diez“ sind konkrete und sichtbare Aktivitäten des von Nina Fischer seit April 2024 verantworteten Quartiersmanagements. Bemerkenswert ist daneben die durch die Diezer Designerin und Kulturmanagerin Astrid Wunsch in ehrenamtlicher Arbeit entwickelte Marketingkampagne. Sie gibt diesen Aktivitäten ein sympathisches, klares und wiederkennbares Gesicht.

Astrid Wunsch ist unter anderem verantwortlich für das Diezer Herz der Kampagne „Dein Diez“, einen informativen Falt-Führer durch die → Geschäftswelt des Quartiers, und den Quartiersletter. Diese Kampagne bringt erkennbar neue Besucherinnen und Besucher nach Diez und verbreitet Zuversicht für eine bessere Zukunft.   

Nach Liebeserklärungen kommt der gelebte Alltag. Es braucht noch viele „Herzschrittmacher“ für Diez

Was kann man nach zwei Jahren gezielter Verbesserungsarbeit („Business Improvement“) erwarten und wie muss es nun weitergehen? Einiges ist schon auf den Weg gebracht, auch dank des vielen ehrenamtlichen Einsatzes und der uneigennützigen Arbeit von Engagierten aus den lokalen Vereinen und der Politik. Jetzt kommt es darauf an, dass noch deutlich mehr der verantwortlichen 105 Besitzerinnen und Besitzer der Gebäude im Quartier FÜR SICH UND GEMEINSAM ins Machen kommen. Hier liegt der Knackpunkt für den nachhaltigen Erfolg der weiteren Entwicklung in Diez. Einige Ladenbesitzerinnen und -Besitzer sind individuell bereits mit gutem Beispiel voran gegangen. Wenige Geschäfte mit innovativen Konzepten haben schon neu aufgemacht.

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Samstägliche Renovierung in der Wilhelmstraße

Warum gibt es (noch?) keine abgestimmte Angebotsstruktur für’s Quartier? Ich denke dabei besonders an die geschäftlichen Angebote in den vorhandenen Ladenflächen und Überlegungen zu deren zukunftsfähiger Modernisierung. Allein die Hoffnung, wie sie Nina Fischer im Gespräch ausgedrückt hat: „Die Stadt schöner machen, dann kommen die Leute wieder“ wird dazu nicht ausreichen. Hier braucht es dringend weitere Ideen und ein breiteres Engagement in der Stadt. Es braucht noch viele Herzschrittmacher für Diez.

Von Klaus Amann    

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