Berghausen: ein glückliches Dorf im Einrich
Schon von Weitem sehe ich, wie sich zwei Männer an den Obstbäumen am Wegesrand zu schaffen machen. Ihr grün und rot leuchtender Kramer-Traktor steht auf dem Schulweg, der von Berghausen nach Dörsdorf führt.


Als ich näherkomme, sehe ich, was hier passiert. Die beiden montieren Vogelhäuschen in die alten Apfelbäume!
Es sind Wolfgang Hannappel und Thomas Pfaff von den Obstbaumfreunden aus Berghausen im Einrich. Auf dem Schulweg zwischen Berghausen und Dörsdorf kann man sie regelmäßig bei der Arbeit antreffen. „Einmal in der Woche treffen wir uns und tun was“, so Wolfgang Hannappel. Heute fehlt der Dritte: Steffen Unger. Die Vogelhäuschen sind das Produkt einer kürzlich von den Obstbaumfreunden veranstalteten Aktion mit den Kindern vom Kindergarten in Allendorf.
„Wir sind kostenlose Gemeindearbeiter“



Wir kommen ins Gespräch über die auffälligen, kürzlich an den Bäumen angebrachten grünen Leimringe. Nach einer guten Blütezeit ohne Frost hatten die Obstbaumfreunde auf gute Ernte gehofft. Doch daraus wurde nichts. Kleine tierische „Konkurrenten“ sorgten für den Totalausfall auf den Bäumen.
Vogelhäuschen und Leimringe sind nun Teil ihres Versuchs, für kommendes Jahr die Situation zu verändern. „Wir wollen die Bäume eigentlich nicht spritzen.“ Im Frühjahr soll dann noch ein Experte hinzugezogen werden, um den Zustand zu begutachten. Natürlich wollen die Obstbaumfreunde ihre zahlreichen Zöglinge entlang des Wegs und auf der Streuobstwiese wieder gesund und fruchtbar sehen. Beiden merke ich an, dass für sie eine ökologische Denk- und Handlungsweise im Vordergrund steht.


Die Bäume, die Natur und die Gemeinschaft
Die insgesamt 45 Bäume stehen auf Berghausener Gemeindegrund. „Das machen wir alles ohne Bezahlung für unsere Gemeinde“, so die beiden. „Mal sehen, wie das weitergeht, wenn wir das mal nicht mehr machen können.“

Als ich Wolfgang Hannappel und Thomas Pfaff sage, dass mich das, was sie da tun, genauer interessiert und ich gerne für unsere Leser von rheinlahner.de darüber berichten würde, schlagen sie direkt vor, dass wir uns doch in den nächsten Tagen in ihrem Bauwagen auf der Streuobstwiese treffen könnten. Dann wäre auch Steffen Unger dabei. Ein paar Tage später bekomm ich den Anruf von Wolfgang Hannappel.
Unser Dorf hat Zukunft


Alles ist gut vorbereitet und ich werde mit heißem Kaffee aus der Thermoskanne begrüßt. Im gut geheizten Bauwagen ist es gemütlich. Wolfgang Hannappel öffnet seinen Ordner und beginnt, die vierzehn Jahre Geschichte der Obstbaumfreunde zu erzählen.
2011 war es der damalige Bürgermeister von Burgschwalbach, der etwas mit ins Rollen brachte. Claus-Harry Becker stellte im Gemeinderat in Berghausen das Landesprogramm „Unser Dorf hat Zukunft“ vor. Für die Teilnahme daran war die Bildung einer Arbeitsgruppe aus Ratsmitgliedern und interessierten Bürgern notwendig. 2012 hatten sich unter anderem Interessengruppen zu den Themen: Friedhof, Verkehr, Spielplatz und eben die Obstbaumfreunde zusammengefunden. Davon existieren heute nur noch die Obstbaumfreunde.
Zusammen Neues schaffen in der Dorfgemeinschaft – für heute und für zukünftige Generationen
Bis es schließlich so weit war, musste ein – bisher mit einer verwachsenen „Christbaumpflanzung“ belegtes, abschüssiges – Gemeindegrundstück am Schulweg mit großem Geräteaufwand vorbereitet werden. Zahllose, teils sehr große Stümpfe mussten gerodet werden. Viele aus dem Dorf halfen dabei mit, um in Eigenleistung ein Grundstück für die zukünftige Streuobstwiese zu schaffen. Der Bauwagen wurde beschafft und zu einem wunderschönen Aufenthaltsort für die Obstbaumfreunde umgestaltet.

Das ist aber „nur“ das äußerlich sichtbare. Mindestens so wichtig war und ist die Gemeinschaft, die sich bei diesen Aktivitäten zeigt! Den drei Obstbaumfreunden merkt man an, dass ihnen dieses Ziel der Gemeinschaftsbildung wirklich sehr am Herzen liegt. Und sie können sich auf viele Unterstützerinnen und Unterstützer in ihrer Interessensgemeinschaft verlassen. „Wenn wir die fragen, dann stehen die da und unterstützen gerne unsere Arbeit!“

Eine Streuobstwiese für Berghausen!
Die schon früher gepflanzten Apfelbäume entlang des Schulwegs und das nun für Pflanzungen bereite Gemeindegrundstück waren die Voraussetzung und der Anfang der bis heute erfolgreichen Streuobstbaumaktion für Berghausen. Und das ist der zweite Teil des Werkes der Obstbaumfreunde: Der Erhalt unserer Kulturlandschaft!
Der Apfelbaum ist → der älteste kultivierte Baum der Erde. Seine Kultivierung hatte in Mitteleuropa ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Auf 20.000 (!) schätzt man heute die Zahl der damals vorhandenen, durch die „Pomologen“ (Obstkundler) bestimmten, unterschiedlichen Apfelsorten. Eine unglaubliche biologische, geschmackliche und ästhetische Vielfalt!
Für den →Naturpark Nassau ist der Erhalt und die Wiederherrichtung von → Streuobstwiesen ein wesentlicher Teil heimischer Landschaft-Kulturpflege. Ohne Menschen wie Wolfgang, Thomas und Steffen wären wir ärmer! Und das Tolle ist: Sie haben für all ihre seit 2014 neu gepflanzten, alten Apfelsorten Spender gefunden, denen sie persönlich mit liebevoll gestalteten Holzschildern an den Bäumen danken!


Neben Apfelbäumen gibt es Birnen wie die Gräfin von Paris, Mirabellen, Kirschen und Quetsche.


Äpfel zu Saft, Quetsche zu Kuchen
Der dritte Teil und Ziel des Gemeinschaftswerks ist das, was man mit einem der legendären Zitate von Helmut Kohl umschreiben könnte: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“. Also der ursprüngliche Grund, warum die Pflege von Obstbäumen ein wichtiger Teil unserer Kultur geworden ist: Leckeres Obst, nahrhaften Saft und allerlei alkoholische Getränke zu bekommen.
Deshalb sollte aus der Apfelernte 2015 gemeinsam und für das Dorf Apfelsaft gepresst werden. Allerdings war die Ernte insbesondere von den erst gepflanzten Zöglingen noch eher bescheiden, so dass man aus der Umgebung von anderen Bäumen die Äpfel beschaffen musste.

Und die Vogelhäuschen?
Sie sollen nicht nur Vögel als die natürlichen Feinde der lästigen kleinen Konkurrenten auf den Bäumen anlocken. Aktionen wie das Vogelhäuschenbauen mit den Kindergartenkindern ist ein weiterer, in die Zukunft weisender Teil der Aktivitäten von Wolfgang, Thomas und Steffen. Nicht nur, dass es ihnen viel Freude gemacht hat, mit den Kindern zu basteln. Für sie vermittelt es darüber hinaus den Sinn, für die nachfolgende Generation einen anschaulichen und konkreten Bezug zum Lebendigen in ihrer unmittelbaren ländlichen Umgebung herzustellen.
Stolz zeigen die Obstbaumfreunde mir ein Dankeschönbild von dieser Aktion, das seit kurzem im Bauwagen hängt.

Die nächste Idee: ein Horst für ein Berghäuser Storchenpaar!
Im Verlauf unseres Gesprächs rückt Wolfgang Hannappel mit einer Idee raus, die die drei Freunde gerne umsetzen wollen. „Wir wollen gerne den Storch nach Berghausen holen.“ Wie immer, soll dazu in Eigenarbeit eine Nistmöglichkeit hoch über der Streuobstwiese geschaffen werden. Die notwendigen Feuchtbereiche sind in der Nähe des Platzes vorhanden.
„Wenn du jemand auftreiben kannst, der einen entsprechenden Masten für uns hat, wär‘ das klasse!“
Diese Frage gebe ich doch gerne direkt weiter an unsere Leserinnen und Leser. Wer kennt jemanden, der jemanden kennt?
Nach zwei Stunden verlasse ich den Bauwagen und freu‘ mich jetzt schon darauf, die drei Obstbaumfreunde aus Berghausen wieder zu treffen. Die Selbstverständlichkeit und Freude, mit der Wolfgang, Thomas und Steffen sich seit 14 Jahren für ihr Dorf und seine Menschen einsetzen hat mich tief beeindruckt. Ich danke euch! Unseren Leserinnen und Lesern kann ich den Spaziergang entlang des Schulweges nur empfehlen!
Photos © 2026 by Klaus Amann
Hier schon mal eine Ankündigung: Als ich mit den Freunden zusammen im Bauwagen saß, stieß Klaus Wöll zu uns dazu. Mit und über ihn wird es bei rheinlahner.de bald einen eigenen Bericht geben!


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