Gerhard Zorn – mit dem Schlitten runter nach Klingelbach
Geschichte lebt durch erzählte Geschichten
Gerhard Zorns „Nachtwächterwanderungen“ durch Katzenelnbogen im Rhein-Lahnkreis sind zu einer festen Größe und einem nachgefragten Angebot des → Einrichmuseums geworden. Zum Flecker Herbstmarkt am Sonntag ging es mit der Wanderung jedoch tagsüber los. Knapp 30 Menschen waren neugierig darauf, was Gerhard Zorn ihnen heute entlang des Dörsbachs, der Weiherwiese und dem Hüttenweg aus der Vergangenheit zu erzählen hat.
Nachdem ich nun zum ersten Mal mit Gerhard Zorn eine solche historische Begehung mitmachen durfte, bin ich aus mehreren Gründen begeistert von dieser Form der Geschichtsvermittlung als nacherzählte Geschichte die durch persönlich erlebte Geschichten bereichert wird. Dazu später mehr.

Offene Türen im Einrichmuseum
Das → Museum hatte zugleich wieder seine Tore geöffnet und so waren auch die Aktiven des Museumsvereins um Klaus Wöll schon vorher damit beschäftigt, für ihre Gäste die Sammlungen in den liebevoll gestalteten Museumsgebäuden zugänglich zu machen, um dann den Besuchern interessierte und neugierige Fragen zu beantworten.



Bereits gestern und vorgestern hatte Gerhard Zorn zwei Nachtwächterwanderungen angeboten. Heute sollte es nun den Hüttenweg entlang gehen. An den ehemaligen Mühldeichen (Mühlgräben), an der Weiherwiese vorbei bis hinter die Klingelbacher Mühle und dann am Dörsbach entlang zurück durch den Grund und schließlich Richtung Gartenstraße.
Die große „Eisenzeit“ im Einrich des 18. und 19. Jahrhunderts
Ja: Der Begriff der Hütte wird heute von vielen eher mit einem, kleinen primitiven Gebäude verbunden. Und die Mühle steht meist für ein technisches Bauwerk, in dem Getreide zu Mehl gemahlen wird.
Gerhard Zorn macht vor dem Start erstmal klar, dass der Hüttenweg der Weg entlang der ehemaligen Eisenhütte ist und die Katzenelnbogener Mühle seit 1739 – neben einer Getreidemühle – vor allem eine Schmelzhütte zur Herstellung von Eisen war.
Waghalsige technische Bauwerke
Was braucht‘s für die Herstellung von Eisen? Wasser, Holz und Eisenerz. Der Dörsbach bot für die Katzenelnbogener Mühle keine einfachen Bedingungen für den ganzjährigen Betrieb eines Mühlrads. Nicht nur, weil er schon damals in regelmäßig erlebten Trockenzeiten einfach zu wenig Wasser hatte. Neben der Menge fehlte es auch an vielen Stellen am notwendigen Gefälle. So mussten am anderen Ende des Fleckens, bei der schon seit mindestens 1578 bestehenden Fleckengrundmühle, heute Neumühle (Gebäude in der Mühlenstraße 31), ein langer Mühlgraben angelegt werden.
Damit 800 Meter weiter abwärts im Dörsbachtal genug Wasser auf die Mühle kam, entstand ein technischer Graben und ein Trog-Bauwerk, das – hinter dem heutigen Feuerwehrgerätehaus in einem langen Bogen ÜBER (!) den Fischbach und die Straße und dann hinter dem heutigen Einrichmuseum geführt wurde, um so mit entsprechendem Gefälle bis zum Hüttenwerk ausreichend Wasser aufs Mühlrad zu transportieren.

Besser war es da um die beiden anderen Rohstoffe bestellt: Bäume wuchsen rundum und die unterirdischen Lagerstätten des Eisenerzes reichten vom Aartal bis hoch in den Einrich. Das Eisensteinfeld weist mit seinem Namen auf ganz nahe liegende Erzvorkommen.
Namen erzählen uns die Regionalgeschichte
Ganz nebenbei kommt Gerhard Zorn immer wieder auf die Herkunft von bis heute noch gebrauchten Personen-, Gemarkungs- und Gebäudenamen zu sprechen und macht so die historischen Zusammenhänge ganz konkret verständlich. Die Weiherwiese wo sich früher der Ortsweiher befand, an dem in kleinen kältegedämmten Hütten das aus Teichen gebrochene Eis lagerte, das im Winter eingelagert wurde, um damit im Sommer die umliegenden Metzgereien mit Eis für ihre Fleisch- und Wurstherstellung zu versorgen. Der Weiher-Hannes, der so hieß, weil er in der Nachbarschaft des Weihers wohnte. Der Kleie-Bücher lebte im heutigen Museumsgebäude, handelte mit Kleie und Futtermittel. Oder die verschiedenen Kirchwege, die die Kirchgänger aus den Dörfern der Umgebung zur Kirche im Ort führten. Und an der Gartenstraße in der Nähe des Dörsbachs und des Mühlgrabens lagen die Gemüsegärten. Dort konnte man alljährlich die daraus geschöpften Humus-Anschwemmungen direkt in die Gärten als kostbare Düngung unterarbeiten.
Familien mach(t)en Ortsgeschichte: „Mein Vorfahre hat 1887 diese Mühle gepachtet.“ (Gerhard Zorn)
Wir stehen mit Gerhard Zorn oberhalb des heutigen Theodor Fliedner Stifts und blicken in Richtung Parkplatz. Der Vorfahre hieß Jakob Zorn und hat die Mühle und die darin befindliche Wohnung für zwei Jahre gepachtet. Der baute dann 1888 bereits am Anfang der Stiftstraße, Ecke Gartenstraße ein Wohnhaus. (Dort befindet sich bis heute die Bäckerei Zorn.) Allerdings wird der in der Mühle befindliche Backofen noch 25 Jahre weiter betrieben und „man hat dort noch gewohnt“, so Gerhard Zorn. Die Vermieterin – und hier beginnt die neuere Geschichte – war die Diakonenanstalt Duisburg.
Vernachlässigte Kinder und einsame Alte

Hier möchte ich meine Leserinnen und Leser auf den in diesem Jahr erschienen, wunderbar gestalteten und sehr lesenswerten Band IV der Reihe: → „Wasser auf die Mühlen“ aufmerksam machen. Für Gerhard Zorn wie für mich ist dieser Band eine schier unerschöpfliche Quelle des historischen Wissens über die 45 (!) Mühlen am Dörsbach und seinen Zuflüssen. Dort im Buch findet sich auch die Geschichte, wie eine Duisburger Evangelische Institution, die „Diakonenanstalt“ 1885 an die Katzenelnbogener Mühle kam. (auf Seite 159)
1889 wird das Wohnhaus des Müllers zu einem evangelisch-pietistischen „Waisenhaus“ umgestaltet und 1898 entsteht das Elisabethstift als neues Gebäude für das Waisenhaus. Die in solchen Häusern untergebrachten Kinder und Jugendliche waren – im damaligen Sprachgebrauch – die „verwahrlosten, erziehungsschwierigen Jugendlichen“, und nicht wie man heute meinen könnte, diejenigen, deren Eltern verstorben waren. (→ Wikipedia)

1927 wird das Stift in ein Altenheim umgewandelt. Mit Gerhard Zorn besichtigen wir den ehemaligen Stiftsfriedhof des Elisabethstifts. Dort, abseits des Gemeindefriedhofs wurden insbesondere die Menschen aus dem Stift beerdigt, die meist keine Angehörigen (mehr) hatten. „Die Leute im Flecken störten sich damals an den ungepflegten Gräbern auf ihrem Friedhof.“ Deshalb legte man für das Stift und seine Verstorbenen diesen Friedhof an.
Im 1979 erbauten, aktuell genutzten Gebäude des Seniorenstifts Katzenelnbogen unterhält die → Theodor Fliedner Stiftung, die frühere „Diakonenanstalt“, bis heute ein Altenheim.

Die Vergangenheit gemeinsam erwandern
Es bräuchte noch viel Text, um all das wiederzugeben, was wir als Teilnehmende in diesen 90 Minuten von Gerhard Zorn und einigen der mitwandernden Ortskundigen erfahren haben. Da war zum Beispiel zu Beginn der Hinweis auf das frühere Kino Lichtburg, das bis in die sechziger Jahre (?) die Welt ins Ort brachte, später Getränkemarkt wurde und heute als Lagerfläche dient.

Diese Kinokarte mit Platzkarte sind Fundstücke aus einer Bergmanns-Ausgehuniform, die auf dem Dachboden des Einrichmuseums hängt.
Da war auf der anderen Seite des Dörsbachs die frühere und als Gebäude nicht mehr vorhandene Kegelbahn, in der „zwei Jungs für ein paar Groschen die Kegel aufgestellt haben“ und die irgendwann nicht mehr den modernen technischen Anforderungen genügte. (Gerhard Zorn). Ein paar Schritte weiter ehemals „Diehls Saal“, heute auch ein Lagerraum. „Das damalige „Kommunikationszentrum von Katzenelnbogen.“ (Gerhard Zorn) Der Ort für Holzversteigerungen, Prüfungen des Eichamtes, Festveranstaltungen (z.B. Fassenachtsveranstaltungen), Sporthalle (Schulturnhalle). In den achtziger Jahren schließlich stillgelegt und durch die heutige Stadthalle abgelöst.


Gerade diese Orte sind es, die diejenigen in der Teilnehmergruppe, die diese Orte noch selbst lebendig erlebt haben, zum Erinnern und Mit-Erzählen bringen. Sie verknüpfen die Gebäude, das eigene Leben und die gemachten Erfahrungen zum für mich direkt spürbaren Gefühl der vertrauten Heimat.
Unsere Heimat verändert sich ständig


Klingelbacher Mühle
„Früher war da… – heute ist da…“ In seiner Kindheit raste der junge Gerhard mit dem Schlitten und zusammen mit seinen Schulkameraden den steilen Hang Richtung Klingelbacher Mühle und zu seiner Schule runter. Heute gibt es in dieser ehemaligen Mühle eine allseits bekannte → Auffangstation für Tiere. Wir schauen neugierig über den Zaun und können uns freuen, dass die Geschichte unserer Heimat auch eine interessante und lebenswerte Gegenwart hat – und eine uns noch unbekannte Zukunft.


Waren es vor 100 Jahren noch die Wassermühlen, so sind es heute Windräder und PV-Anlagen, die unsere Kulturlandschaft sichtbar verändern.
Beim Blick vom Museum in Richtung Bäckerei Zorn fällt sie mir wieder ins Auge: die schimmernde Photovoltaik dort auf dem Dach des Hauses, wo auf der anderen Seite das nostalgische Bild eines Mühlrads am Bach aufgemalt ist. Auch sie wird irgendwann wieder Geschichte sein und die letzten intakten Module werden zusammen mit einem abgegriffenen, aber sehr selten gewordenen → Motorola StarTAC Klapphandy von 1996 im zukünftigen Einricher Heimatmuseum ihren Platz finden.
Einen großen Dank an Gerhard Zorn für seinen „wandernden“ Einsatz im Flecken und die Menschen vom Einricher Heimatmuseum für das Lebendighalten der Geschichte und Geschichten!

Blick ins Dörsbachtal von Klingelbach aus.
© Von Klaus Amann
Fotos © 2026 by Klaus Amann

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