„Das letzte der vier Bilder habe ich erst vor 2 Tagen fertig gemalt“ (Sabina Hoque)
Eine Diezerin mit „Migrationshintergrund“?
Gerade war wieder → interkulturelle Woche in Diez und im Aar-Einrich. Seit Jahrzehnten gibt es Ende September bundesweit öffentliche Aktivitäten, inzwischen in mehr als 750 Städten, die die kulturellen Beziehungen zwischen den in Deutschland lebenden Menschen positiv thematisieren wollen. Angefangen hat dies vor über 50 Jahren mit einem „Tag des ausländischen Mitbürgers“. Damals wurde der deutschen Gesellschaft klar, dass die in Westdeutschland lebenden, angeworbenen → Gastarbeiter Mitbürger geworden waren. Und weder die Zugewanderten noch die „immerschon“-Deutschen wussten, wie sie damit in Zukunft umgehen sollen.
→ Sabina Hoque hat mit dieser Zuwanderungsgeschichte tatsächlich nichts zu tun. Ihr Vater ist 1985 als Flüchtling aus Bangladesh nach Deutschland bekommen und hat hier politisches Asyl bekommen. Ihre Mutter konnte 1990 nachkommen und erhielt ebenfalls Asyl. Beide leben und arbeiten seither in Diez. Sabina wurde hier geboren. Äußerlich betrachtet erfüllt sie demnach das Kriterium „Migrationshintergrund“. Im Verlauf unseres Kennenlernens wurde mir allerdings klar, dass diese Einordnung ähnlich bedeutungslos ist wie bei mir als gebürtigem Württemberger, der im Einrich lebt, diese Charakterisierung wäre.

Rot – eine Gruppenausstellung migrantischer Künsterlerinnen und Künstler
Ich treffe Sabina Hoque zum ersten Mal im Hof von Holland in der Wilhelmstraße 47 in Diez, wo seit dem Frühjahr der interkulturelle Treffpunkt entstanden ist. Dorthin lud am 25. September der Beirat für Migration und Integration zur Eröffnung einer Kunstausstellung im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der interkulturellen Woche ein. Die Gruppenausstellung war als Ausstellung migrantischer Künstlerinnen und Künstler angekündigt. Ihr Thema „ROT“ ließ reichlich Raum für die künstlerische Interpretation.
Bereits auf dem ersten Weg zur Eröffnungsveranstaltung im zweiten Stock des Hof von Holland fielen mir vier Bilder ins Auge. Als ich später wieder zurück in die Ausstellung kam, hatte ich Glück: auch die junge Künstlerin der mich unmittelbar faszinierenden Werke war da und bereits ins Gespräch vertieft mit Annette Wick, der Diezer Bürgermeistern. In lebhaften Worten sprach Sabina Hoque über die ausgestellten Arbeiten. Ich erfahre: Die gezeigten Bilder wurden von ihr eigens für diese Gemeinschaftsausstellung geschaffen. Sabina Hoque gesteht: „Ich hatte kein Bild, das für mich zum Thema „Rot“ passte.“

Sorglos – mühelos – endlos – spurlos (Sabina Hoque)
Für eines ihrer Bilder: „effordless“ (mühelos) erklärt Sabina Hoque, dass es eine Erfahrung aus ihrer Studienzeit aufnimmt. Damals stillte sie auf dem Weg von der Uni nach Hause ihren Hunger mit Fertigsuppen. Ob die Suppe wohl wirklich ein Symbol für das „better life“ (bessere Leben) ist? Die Bilder und die Art und Weise, wie Sabina Hoque zugleich bescheiden und selbstbewusst über sich und ihre Bilder sprach, haben mich neugierig gemacht. So habe ich sie um ein Gespräch und einen Besuch in ihrem Atelier gebeten.

Effordless . Acryl 50 x 70. Sabina Hoque 2026
„Ich habe eigentlich schon immer gemalt“
…. so Sabina Hoque auf meine neugierige Frage, wann sie mit dem Malen begonnen hat. „Schon immer“ heißt: Sie fiel ihrer Umgebung bereits mit vier Jahren (!) durch ihr Interesse, ihre Freude und ihren Umgang mit Malsachen auf. Selbst hat sie als erste Erinnerung noch das besondere Geschenk, das sie als Vierjährige für ein gelungenes Bild bekommen hat: eine Trinkflasche eines damals sehr erfolgreichen Animes.
Malen ist Sabine Hoques Weise ihre Gedanken und Gefühle zu verarbeiten. Als ich bei meinem Besuch zunächst vom Vater in das gemeinsame Wohnzimmer der Familie eingeladen werde, wird sofort klar: Das Zeichnen und Malen ist für die Eltern ebenso ein existentieller Teil ihrer Tochter. Selbstverständlich hängen an den freien Wänden im Zimmer große Bilder von Sabina. Die Mutter, die ich schon bei der Vernissage kurz kennenlernen durfte, kann und will den Stolz auf die Arbeiten ihrer Tochter nicht verbergen.
Frühe künstlerische Erfolge in der Schulzeit
Sabina Hoque zeichnet und malt nun schon seit mehr als zwanzig Jahren. Bereits als Schülerin an der Nicolaus-August-Otto Schule in Diez gewann sie einen Preis im internationalen Fairy Tail (Manga) Fanart Contest (2014). Ihr Gewinnerbild wurde Teil eines in vielen Sprachen veröffentlichten Mangas. (im Japanischen bedeutet Manga etwa: bunt gemischte oder kunterbunte Bilder) Auf diesen internationalen Wettbewerb stieß sie im Internet. Sie fasste den Mut, daran teilzunehmen. Ihre Freunde haben der Entscheidung zusammen mit ihr entgegengefiebert. „Die waren beinah noch begeisterter als ich, dass ich gewonnen hatte!“

© Sabina Hoque: Gray Fullbuster
Im weiteren Gespräch mit Sabina Hoque wird mir klar, dass die erkennbare Zurückhaltung angesichts eines solchen unwahrscheinlichen Erfolgs einer deutschen Jugendlichen bei einem japanischen Wettbewerb eine tiefere Bedeutung für ihr künstlerisches Schaffen hat.
„Meine Bilder haben immer einen menschlichen Bezug. Es geht immer um Menschen und um die moderne Gesellschaft.“
Dieses künstlerische Schaffen startet einerseits bei der Auseinandersetzung mit emotional negativen Erfahrungen. Sie verfolgt im Zeichnen und Malen jedoch andererseits immer eine positive Absicht: „Meine Bilder haben das Ziel, sich gut zu fühlen. Das Problematische macht deutlich, was jenseits davon gut ist.“ Ihren künstlerisch-darstellerischen Weg beschreibt sie dabei als einen vom eher Dramatisch-Tragischen zum Sarkastischen.
„Ich bin keine Mangakünstlerin“
2015 und noch in der Schulzeit vermittelt ihr die Kunstlehrerin eine eigene Ausstellungsmöglichkeit im Kulturhaus KREML in Zollhaus. Die seinerzeit gezeigten Werke zeigen noch ihre Faszination für die Welt und die Darstellungsweisen des Manga. Allerdings weist Sabina Hoque auf meine Nachfrage hin die Einsortierung als Mangakünstlerin von sich. Im Vordergrund standen und stehen bei ihr die jeweiligen künstlerischen Mittel und Stile. Die geben ihr als Künstlerin erst die Möglichkeit, das was, sie emotional und thematisch bewegt auf die Leinwand zu bringen.
Zu ihren roten Bilder fügt sie an: „Roter Hintergrund signalisiert für mich etwas Böses“. Es zeigt für sie negative Emotion, rahmt etwas, was sie als problematisch empfindet. Die Bilder lösen dieses Problematische mit Ironie und Sarkasmus auf.



Careless – Endless – Traceless. 50 x 70, Acryl. Sabine Hoque 2026
Wer ist Sabina Hoque?

Mondlicht. 70 x 100 Acryl. Sabina Hoque 2024
Sabine Hoque ist keine „ausländische Mitbürgerin“. Sie wurde als Kind zugewanderter Eltern in Diez geboren und lebt bis heute hier. Sie hat nach ihrem Abi an der NAOS (Diez) in Frankfurt/Main Wirtschaftsrecht studiert und arbeitet heute als Wirtschaftsjuristin.
„Mein Bruder hat immer gesagt; studier‘ doch Kunst.“ Sicherlich hätte sie mit ihren Fähigkeiten die Chance gehabt, an einer Kunsthochschule angenommen zu werden. Für Sabina Hoque war jedoch klar, dass sie weder ihre künstlerische Leidenschaft zum Beruf machen wollte, noch ihre künstlerischen Freiheiten durch irgendetwas einschränken will. Das heißt für sie, wirtschaftlich unabhängig zu sein und auf eigenen Beinen mitten im Leben zu stehen. Ihr Beruf als Wirtschaftsjuristin gibt ihr diese Voraussetzung, unabhängig zu sein. Sie sagt dazu, dass beides eine große Distanz zueinander hätte und dies für sie wichtig wäre.

„Jeder hat so viel in sich drin. Ich will es sagen, ohne es zu sagen.“
Auf meine Frage, ob sie künstlerische Vorbilder habe, beginnt sie zu überlegen. Sie antwortet mir dann jedoch zunächst ausweichend, dass sie die Arbeiten einer ganzen Reihe von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern sehr schätzen würde. Insbesondere gelte dies für die 31-jährige kanadische → Anna Wayant. In ihren weiteren Erläuterungen merke ich, dass Sabina Hoque sich nicht einer bestimmten Maltradition oder einem Darstellungsstil zu- und unterordnen will. Vielmehr betrachtet sie die künstlerischen Arbeiten Anderer immer auch unter dem Aspekt der eingesetzten Mittel, mit denen die jeweilige Darstellung arbeitet. „Ich glaube, dass ich mit meiner künstlerischen Arbeit keine ‚Ziele‘ erreichen will. Meine Kunst ist das, was im Moment, in der Gegenwart entsteht.“

Early Bride. 70 x 100, Acryl. Sabina Hoque 2025
Ihre Themen und Emotionen brauchen die Freiheit, den eigenen Stil konsequent zu entwickeln. Und da sind die Bilder, die sie bisher gezeichnet und gemalt hat Momentaufnahmen und zugleich eindrucksvolle ästhetische Ergebnisse. Auf meine Frage, ob eine weitere Ausstellung bevorstehe, verneint Sabina Hoque. Für sie ist im Moment wichtiger, ihren künstlerischen Stil für sich zu klären.
Am Ende meines Besuchs im winzigen Atelier unterm Dach bin ich beeindruckt von dieser jungen Frau, ihrer bisherigen künstlerischen Arbeit und ihrer außergewöhnlichen und starken Persönlichkeit. Ich bin froh, dass ich sie kennenlernen durfte. Danke!
Ich wünsche ihrer Kunst den angemessenen Platz in der Öffentlichkeit.
Wir dürfen gespannt sein auf weitere Arbeiten von Sabina Hoque!

Das Atelier. © Sabine Hoque
Eine weitere Auswahl der Werke von Sabina Hoque:





70 x 100 Acryl. 2023


©Von → Klaus Amann
Photos der Bilder von Sabina Hoque © 2026 by → Sabine Hoque.
Übrige Photos © 2026 by Klaus Amann

Kommentar abschicken